Autochthoner Autismus oder Wutmenschen sind Gutbürger

Früher habe ich häufig mit „richtigen“ Autisten oder wie man nach der großen Sprachreinigung zu sagen pflegte, „Menschen aus dem autistischen Spektrum“ gearbeitet. Aber von denen und ob es Autismus überhaupt so gibt, ist hier nicht die Rede, ich rede von ganz normalen Mitmenschen, und nur von denen, die schon länger hier leben und sich in drei Obergruppen aufteilen: Wutbürger, Schlafschafe und Gutmenschen. Ein Dazwischen gibt es seit dem NetzDG nicht mehr. Über jene, die noch nicht so lange hier sind, wird oft genug geredet, sie sind ausdrücklich nicht Gegenstand meiner Betrachtung, es geht im Wesentlichen um mich und meine persönlichen Erfahrungen mit Menschen, die ich über längere Zeiträume gesammelt habe, denn darüber kann ich mir ein Urteil, im Sinne von einer nicht wertenden Aussage mit der vollen Akzeptanz des So-Seins aller, um die es geht, erlauben. Bei Leuten, die ich noch nicht so lange kenne, wäre das übergriffig, wie es in der Therapeutensprache so heißt. Nun gut mit dem Geschwafel, aber Ordnung muss sein.

Was versteht man im allgemeinen Sprachgebrauch unter Autisten? Schrullige Typen wie Rain Man, gespielt von Dustin Hoffmann mit der typischen Inselbegabung und einigen auffälligen Defiziten im zwischenmenschlichen Bereich. Diese „Nenn-Autisten“ können häufig Gefühle nicht richtig deuten, haben keinen Sinn für Ironie und Sarkasmus, nehmen vieles wörtlich und entwickeln unter Umständen Macken, die für das Umfeld ziemlich nervtötend sein können. Autisten sind sehr störrisch, wenn sich ihre gewohnte Routine ändert und sie verknüpfen häufig Dinge, die gar nicht miteinander in Zusammenhang stehen. Zur Erhellung zwei Beispiele aus der Praxis mit „echten“ Autisten:

1: Ein Praktikant sollte eine neue Aufgabe im betreuten Arbeiten erlernen, die Demontage von Computerteilen. Das Arbeiten mit entsprechenden Werkzeugen war ihm laut Zeugnissen und Aussagen der Lehrkräfte vertraut. Nach einigen Versuchen, die Schrauben einer Platine zu lösen, gab er auf und warf wütend den Schraubenzieher in die Ecke. Den Arbeitsauftrag hatte er verstanden, daran gab es keinen Zweifel, aber er weigerte sich, es noch einmal zu versuchen. Die Lösung war recht einfach, sein Fachlehrer hatte ihm bei früheren Unterweisungen stets eingeschärft, dass man den Schraubenzieher rechts herum drehen müsse …

2: Ein neuer Bewohner einer therapeutischen Einrichtung hat in den ersten Tagen in seinem neuen Zimmer jeden Morgen erlebt, dass eine bestimmte Betreuungsperson in das Zimmer kam und als erstes das Fenster zum Lüften öffnete und dann erst „Guten Morgen“ sagte. Die Beobachtung dieses Ablaufs hatte sich eingeprägt, doch einmal überlegte sich die Betreuungsperson, dass es höflicher wäre, zuerst „Guten Morgen“ zu sagen und dann das Fenster zu öffnen. Das verwirrte den Autisten ein wenig und er bestand darauf, dass gefälligst zuerst das Fenster geöffnet werden müsse. Es gäbe auch drastischere Beispiele, aber das sollte genügen.

Dem gemeinen Normalmenschen der Klassen Wutbürger, Schlafschaf oder Gutmensch bleiben solche speziellen Lebenswelten fremd, dabei unterscheidet er sich kaum von diesen vermeintlich echten Autisten, er merkt es nur nicht. Schaut man sich die gegenwärtige Lage an, in der die gewohnte Routine längst auf den Kopf gestellt ist, mag man so vielleicht andere Einsichten darüber gewinnen, warum ganz Deutschland am Rad dreht, die Gesellschaft gespalten erscheint und der Riss bis in Familien und Partnerschaften, Freundschaftskreise und Kollegien reicht. Es herrscht das Generalisierungssyndrom, d.h. es werden Regeln in Bereichen angewandt, in die sie gar nicht mehr passen, aber weil man es einmal so gelernt hat, besteht man darauf, dass es so zu sein hat. Ich gestehe, die Versuchung ist groß, diese Erkenntnis auch auf jene Gruppe anzuwenden, die noch nicht so lange hier ist, aber es geht hier um meine persönlichen Erfahrungen, nicht um Regeln aus steinzeitlichen Überlieferungen.

Gutmenschen: Für diejenigen, die ich zur Klasse der Gutmenschen rechne, gehöre ich wohl zur Fraktion der Wutbürger. Zahlreiche haben mich „digital“, aber auch im echten Leben entfreundet, wie man so sagt. Ich fand es immer lustig, mit Sozialpädagogen Fußball zu schauen, wenn sie bei jedem Tor für Deutschland den Ton leiser machen mussten. Jedem Tierchen sein Pläsierchen ist meine Einstellung ganz nach preußischem Denken dazu. Es juckt mich nicht, solange man mir das meine gönnt. Dass die Toleranzschwelle bei den Berufstoleranten jedoch eine andere als die meine ist, war mir immer bewusst, dennoch hat die ein oder andere Erfahrung geschmerzt, weil sie meine eigene Routine auf den Kopf stellte und mir widerspiegelte, dass auch ich ein Generalisierungssyndrom entwickelt habe. Nur weil ich mit einem Andersdenkenden, was ja im Grunde jeder andere Mensch für uns ist, in vielen Punkten Übereinstimmungen habe und die Widersprüche als Bereicherung empfinde, heißt das nicht, dass er ebenso wie ich das Zwischenmenschliche und Verbindende höher bewerten muss. Aber es blieb nicht nur bei der milden Form, der Entfreundung, früher einmal Entfremdung genannt und als „wir haben uns in andere Richtungen entwickelt“ umschrieben, was zu keiner Zeit ein sonderliches Drama gewesen wäre, sondern es kam zu üblen Attacken, Verleumdungskampagnen und Sabotageakten, von denen ich in dieser Heftigkeit wirklich überrascht war. Mein Glück ist, dass ich als Selbständiger nicht in diesen Zeiten der allgemeinen Verrohung der Sitten an einem Arbeitsplatz mit meiner Meinung hinter dem Berg halten muss, um meine Existenz zu sichern. Das habe ich längst hinter mir, meine Existenz wurde buchstäblich vernichtet, total, von Gutmenschen. Ich lebe dennoch!

Schlafschafe: Schlafschafe ziehen ihre Routine oder Nicht-Routine einfach durch. Nichts gehört und nichts gesehen – und sie sind meist erfolgreich mit dieser Strategie. Sie sind ausschließlich auf sich selbst bezogen, eine andere Form von Autismus und Generalisierungssyndrom. Ich muss zugeben, ich bin und war nicht selten ein wenig neidisch auf sie und ärgerte mich manchesmal, dass ich nicht auch einfach mal den Mund gehalten und die Nase nicht immer in Dinge gesteckt hätte, die mich ihrer Meinung nach nichts angingen. Man könne doch so oder so nichts ändern. Schlafschafe sind angenehme „Freunde“, Kollegen, Nachbarn oder Bekannte, solange man von ihnen kein Rückgrat erwartet. Als Belastungszeuge vor Gericht taugen sie nichts, sie widersetzen sich jeder Form von Appellen an ihr Ehrgefühl oder Gewissen. Gewissen hat nämlich etwas mit Bewusstsein zu tun und Schlafschafe schalten ihr Bewusstsein ganz bewusst ab, das ist ihre Überlebensstrategie. Sich mit ihnen zu befassen ist Zeitverschwendung, tut man es dennoch, liegt das am eigenen Generalisierungssyndrom, weil man von sich wieder einmal auf andere schließt.

Wutbürger: Bin ich einer? Bin ich wirklich jeden Tag wütend und sonst nichts anderes? Das wüsste ich aber. Ein Rumpelstilzchen, das im Dreieck springt, weil andere einfach die Regeln brechen, die man als allgemeingültig betrachtet hat, zum Beispiel das Grundgesetz, so wie die Politik es seit Jahren vormacht? Weil Theorien gegen den gesunden Menschenverstand verstoßen, wie von den Grünen? Weil Medien, die die Wahrheit berichten sollten einfach dreist lügen? Ja! Darüber rege ich mich auf, oder es regt mich auf und auch dazu an, etwas zur Veränderung  beizutragen. Wäre es nicht so, wäre ich ein Schlafschaf, aber das passt nicht zu meiner Natur.

Die eigentlichen Wutbürger, das sind die Gutmenschen, wie sie Amok laufen, wenn wieder einer, den sie auf ihrer Seite glaubten, eine eigene Meinung kundtut. Wutbürger, das sind die fehlgeleiteten Steinewerfer von der „Antifa“, die Linksextremen, die kein kreatives Potential in sich erkennen und ihre Wut nur destruktiv zum Ausdruck bringen können. Wie sie dummes Zeug von sich geben, dass ein Schwuler komische Perücken tragen, den ganzen Tag mit einem Popostöpsel im Anus herumtanzen und linksgrün sein muss, dass Kritik am Islam fremdenfeindlich sei, auch wenn sie von Ausländern kommt, dass Bimbos nicht mit Nazis reden dürfen, weil sie ihre Kultur verraten und Leute, die Lügenpresse und Volksverräter rufen, übles rechtes Pack sein müssen. Und natürlich, dass sie mit solchen Hetzern wie mir, nicht in einem Land leben wollen.

Dieses Durcheinander, die Aufhebung alter Fronten mag vielen GWutmenschBürgern Angst machen, sie verwirren, besonders die Alt- und Neu-Linken mit ihrer Querfrontparanoia, es gibt aber kein Zurück mehr zur alten Routine, sie ist gelaufen. Augen zu und durch, sagen die Schlafschafe, und diejenigen, die die Rasur überleben, werden sich in ihrer Taktik bestätigt fühlen, auch wenn man ihre Zahl an fünf Fingern abzählen kann. Alle anderen aber haben keine Wahl, als sich mit dem Generalisierungssyndrom als Ausdrucksform ihres autochthonen Autismus in die einzig wirksame Therapie begeben, die sich Wirklichkeit nennt.

Ein Kommentar

  1. Ein paar hundert Jahre, sind ein evolutionärer Fliegenschiss. Noch vor einer Sekunde schmissen sie faule Eier auf Ketzer und verbrannten Hexen.
    Ca. 70% sind Mitläufer und Dummköpfe. Die restlichen 30% bestehen zu großen Teilen aus niederen Charakteren. Schlau, aber böse. Es ist daher überhaupt nicht verwunderlich, dass die wenigen Anständigen häufiger Probleme kriegen.

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