Börsen-Zeitung: SAP – zurück ins Risiko

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Der Dax-Konzern SAP hat am M&A-Markt zuletzt kleinere Brötchen gebacken. Seit der 8,3 Mrd. Dollar schweren Akquisition des Reisesoftware-Spezialisten Concur 2014 prägten Tuck-in-Akquisitionen das Bild – kleine, meist technologiegetriebene Zukäufe. Europas größter Softwarekonzern sah sich gut aufgestellt, um mit dem bestehenden Portfolio, das Bill McDermott in seinen ersten Jahren als CEO auch mittels Zukäufen aufgebaut hatte, aus eigener Kraft zu wachsen. 2018 scheint vieles anders. Galt der Kauf der Vertriebssoftware-Firma Callidus im Januar für 2,4 Mrd. Dollar noch als Ausnahme, zeigt die in der Nacht auf Montag verkündete 8 Mrd. Dollar schwere Übernahme von Qualtrics, dass dies kein Einzelfall war. Die zweitgrößte Dollar-Akquisition der Firmengeschichte ist in Euro gerechnet sogar die kostspieligste – bei einer Bewertung, die dem 20-Fachen der erwarteten Erlöse in diesem Jahr entspricht.

McDermott nutzte den eilig um Mitternacht auf 7 Uhr Montagfrüh mitteleuropäischer Zeit angesetzten Analysten-Call, um für die M&A-Strategiewende zu werben. Er könne verstehen, wenn die Investoren überrascht seien. Doch noch so viele kleine Tuck-ins hätten nicht den Wert schaffen können, den der Spezialist für Kundenerfahrungsdaten für SAP bereithalte.

Doch worin besteht dieser Wert? Im Wesentlichen verspricht Qualtrics SAP dort zu helfen, wo der Konzern zuletzt Schwäche gezeigt hat. Während SAP in zahlreichen Geschäftsfeldern schneller gewachsen ist als die großen Wettbewerber, setzte es im Geschäft mit Software zum Management von Kundenbeziehungen (CRM) 2017 einen herben Rückschlag. Neben Salesforce haben laut IDC auch Oracle, Microsoft und Adobe Marktanteile gewonnen. Unter den großen fünf Anbietern fuhr allein SAP im Rückwärtsgang.

Für McDermott, der sich das „Siegen“ auf allen Märkten zum Ziel setzt, ein kaum erträglicher Zustand. Diente die erste Akquisition des Jahres noch primär dazu, diesen Trend zu stoppen, erhofft sich SAP, mit Qualtrics das CRM-Angebot nun auf ein anderes Niveau heben zu können. Glaubt man den CEOs beider Firmen, wird hier aus der Kombination von operativen Daten und Kundenerfahrungen ein ganz neues Angebot entwickelt, über das kein Wettbewerber verfügt. Gleichzuziehen reicht McDermott aber nicht. Wie vor Jahren in der Cloud startet er sofort den Überholvorgang. Dafür nimmt er wieder mehr Risiko in Kauf. Der Kursverlust am Montag zeigt, dass einige Investoren dem neuen, alten Kurs misstrauen.