Kaum eine andere Branche, als die des Geldes, ist so sehr von der immer noch anhaltenden Computer-Revolution betroffen, wie die „Geldindustrie“. Das Rationalisierungs- und Optimierungspotential scheint hier nahezu unendlich zu sein. Damit logischerweise auch der Umbau des Kreditsektors. Die Kreditbeschaffung, die früher einmal ein mühevolles und mit viel Lauferei verbundenes Unterfangen war, geht heute zuweilen mit wenigen Mausklicks binnen weniger Augenblicke. Das wiederum muss nicht in jedem Fall eine Verbesserung für den Kreditkunden bedeuten.

Der skeptische Blick bei solchen Entwicklungen sollte nicht verloren gehen. Denn nicht alles was das Leben schneller und vermeintlich einfacher macht, muss auch gut sein. Für die jüngere Generation ist der Wandel schneller zu erfassen, weil sie mit der Technisierung und Digitalisierung aller Aspekte ihres Lebens bereits groß geworden sind. Für die noch lebenden Menschen aus dem vergangenen Jahrtausend ist das wiederum eine echte Herausforderung, der sich auch nicht jedermann mehr stellen mag.

Rationalisierungsdruck, Nullzins und ethischer Anspruch

Die Herausforderungen für das Kreditgewerbe hören selbstverständlich nicht bei der Technisierung auf. Seit der Finanzkrise 2007 hat sich die sogenannte Nullzinspolitik zumindest für den den Euro-Raum stark verfestigt. Insoweit kämpft der Verbraucher zuvorderst gegen eine schleichende Enteignung durch die Inflation, die in der Regel jeden Guthabenzins übersteigt. Damit ist auch das Margen-Bewusstsein der Verbraucher bei Krediten deutlich gestiegen. Das bedeutet einen weiteren drastischen Einschnitt im Wettbewerb, weil die Margen nicht nur wegen der Null-Zins-Politik sinken, sondern auch wegen der schnelleren Verfügbarkeit von Konkurrenzkonditionen.

Darüber hinaus deutet sich in unserer Gesellschaft ein genereller Umbruch an, bei dem sich die Ethik zurecht ein wenig in den Vordergrund drängelt. Sowohl die Art und Weise der Geldschöpfung steht in der Kritik, als auch deren Zukunftsfähigkeit. Mit dieser Diskussion ist dann unmittelbar die Umverteilungsproblematik mit auf dem Schirm. Denn auch hier sind die Banken der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, bzw. was das Geld, dessen Funktion und Wirkweise anbelangt. Eine Debatte, die allerdings gerade erst beginnt.

Das Für und Wider der Digitalisierung

Die generellen Vorzüge einer Technisierung sind selbstverständlich nicht von der Hand zu weisen. Zu einem kleinen Teil kann mit der Digitalisierung der Margendruck der Branche kompensiert werden. Ein beachtlicher Nachteil der jetzigen Entwicklung ist jedoch die zunehmende Anonymisierung der Kreditgeschäftes. Früher war es üblich den Kreditnehmer persönlich in „Augenschein“ zu nehmen. Neben dem Verwendungszweck wurde so in persönlichen Gesprächen das Umfeld des Kreditnehmers weiter erkundet. So machte sich der Kreditsachbearbeiter ein eigenes Bild und die Bonität des Kunden unterlag damit einer viel weiteren Betrachtung als das heute der Fall ist.

Bereits in der ersten Rationalisierungsstufe des Kreditgewerbes wurde dieses Prinzip gründlich aufgebrochen. Vornehmlich war es das Mißtrauen gegenüber den eigenen Mitarbeitern, dass man die eigentlichen Entscheidungsprozesse zu den Krediten entpersonalisierte (anonymisierte) und ins sogenannte Backoffice verlegte. Damit sollte sichergestellt werden, das keine blauen Augen, keine nette Figur, kein noch so gelungener persönlicher Sachvortrag oder auch nur das sympathische Auftreten eines/einer Kreditnehmers/Kreditnehmerin die Kreditentscheidung beeinflussen sollten.

Das ist in der heutigen Zeit noch weiter perfektioniert worden, indem es eigentlich gar keinen persönlichen Kontakt mehr zur Kundschaft gibt. Die Bank, das Kreditinstitut funktioniert jetzt ein wenig wie eine Blackbox. Der Kunde kann vermeintlich anonym seine Wünsche vortragen. Im Hintergrund beginnt nun ein hartes Scoring. Da geht es um Einkommen, Dauer der Beschäftigung, Zuverlässigkeit und viele Detailpunkte mehr. Dabei verlässt man sich lieber auf andere Quellen, als ausgerechnet den Kreditnehmer. Im Ergebnis dieser „Abarbeitung“ kommt dann meist ein schnödes „Ja“ oder „Nein“ dabei heraus. Man ist versucht zu sagen, es ist fast wie ein Einkauf im Internet. Wenn die Kreditkarte nicht akzeptiert wird (in diesem Fall die Bonität), dann ist das Ende der Geschichte schnell erreicht. Im positiven Fall allerdings auch, da kommt dann ein schnelles „Ja“. Diese Form der Anonymität ist allerdings nicht jedermanns Sache.

Wenn alles nach Schema F geht

Anderseits hat diese neue Form des oben bereits erwähnten „Kredit-Verkaufs“, denn nichts anderes ist es, durchaus seine positiven Seiten für die technikaffine Kundschaft. Es können verschiedene Anbieter/Konditionen relativ schnell und zielsicher miteinander verglichen und tiefer analysiert werden. Auch die zu erreichende Geschwindigkeit, von einer Kreditanfrage bis zu einer Zusage, kann, wenn die Anbieter auf Zack sind, in erheblich kürzeren Takten erreicht werden, als dies früher für gewöhnlich bei den Banken üblich war.

Aber eines können diese Online-Angebote garantiert nicht leisten. Eine Form der Kreditvergabe, die kürzer nicht sein konnte, wenn der persönliche Draht zwischen Banker und Kunde stimmte. Das funktionierte vielerorts bestens, besonders in den 70er und 80er Jahren. Es war das Zeitalter der „Telefonie“. Da tat es manchmal ein Anruf und ein Wort und die Kreditlinie wurde binnen Minuten nach Wunsch angepasst. Genau diese Form des Banking, abhängig von der persönlichen Bonität, ist das unbedingte Opfer der hier beschriebenen Kredit-Digitalisierung. So wird man beides, mit seinen Vorzügen und Nachteilen wohl als Fortschritt buchen müssen, denn das Wort beinhaltet keine Wertung, sondern nur eine Entwicklungsrichtung.