Im Orient mit Antje Sievers: Kein Omar Sharif weit und breit

Ramin PeymaniVeröffentlicht von
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Photo by Achgut Edition

Antje Sievers hat mit “Tanz im Orient-Express” im Verlag Achgut Edition ein Buch vorgelegt, das man sämtlichen Journalisten und Berufspolitikern, aber auch den Tausenden Ausführungsgehilfen, gerne als Pflichtlektüre übersenden möchte, wüsste man nicht schon vorher, dass die allermeisten von ihnen es nach einem kurzen Blick auf den Klappentext ungelesen in die Tonne werfen würden. Wahrheiten sind dem eigenen Weltbild eben nicht besonders zuträglich. Auch bei Annette Widmann-Mauz, die sich als Integrationsbeauftragte der Bundesregierung versucht, dürften die über Jahrzehnte gesammelten und von Antje Sievers sehr lebendig, aber ohne bittere Schwere zusammengetragenen Erfahrungen kaum fruchten. Die Politikerin steht stellvertretend für Millionen, die einen naiven Blick auf den Nahen Osten und Afrika haben. Dazu gehört unter anderem der Irrglaube, den beinahe täglichen Übergriffen junger arabischer Männer durch sexuelle Aufklärung entgegenwirken zu können. Die in einer Welt voller Tabus aufgewachsenen Zuwanderer haben häufig kein normales Verhältnis zur eigenen Sexualität entwickelt, geschweige denn zum anderen Geschlecht. Da hilft Unterricht mit Anfang Zwanzig wenig. Schon in den Schulen vermögen die bedauernswerten Lehrkräfte so gut wie keinen Einfluss auf das Selbstverständnis kleiner muslimischer Paschas zu nehmen, in deren Augen Frauen bloß Dienerinnen des Mannes sind. Für manchen Orientalen sind Europäerinnen nicht selten einfach Freiwild. Gerade diesen Aspekt macht Antje Sievers in ihrem mehr als 140 Seiten starken Buch an zahlreichen Beispielen deutlich.

Es ist das Erschließen europäischer Geldquellen, das junge Afrikaner und Araber zu Hunderttausenden auf den Kontinent lockt

Immer wieder kreisen ihre Gedanken dabei um ehemalige Kursteilnehmerinnen ihrer Bauchtanzschule, die sich in einem Ehegefängnis wiederfanden, nachdem sie den zuvor so zuckersüß um sie werbenden Orientalen geheiratet hatten. Es ist für den muslimischen Mann eine Selbstverständlichkeit, dass die Frau mit der Heirat in sein Eigentum übergeht. Ihre Rolle beschränkt sich fortan, wie die Autorin aus dutzendfachem Erleben in ihrem Umfeld schildert, auf die Versorgung der Kinder, die Hausarbeit und die sexuelle Verfügbarkeit für den eigenen Ehemann nach dessen Lust und Laune. “Eine Partnerschaft auf gleicher Augenhöhe, mit gleichen Rechten und Pflichten, eine Heirat aus Liebe oder gar aus einer kurzen Leidenschaft heraus, ist in weiten Teilen Afrikas und der arabischen Welt vollkommen undenkbar”, fasst Sievers das Dilemma zusammen, das jenen, die mit der orientalischen Kultur vor 2105 nie in Berührung gekommen sind, offenbar immer noch schwer zu vermitteln ist. Und so erfahren wir im “Tanz im Orient-Express” von den vielen Frauen, die sich von heftig werbenden jungen Orientalen bezirzen ließen, deren blumige Liebesschwüre in jenem Moment endeten, in dem sie sich und der daheimgebliebenen Familie durch die Heirat mit der Europäerin eine Existenz gesichert hatten. Heute muss kein Zuwanderer mehr heiraten, um in den Genuss einer Versorgung zu kommen, aber es ist – das versteht man nach der Lektüre des Buches – nach wie vor das Erschließen europäischer Geldquellen, das junge Afrikaner und Araber zu Hunderttausenden auf den Kontinent lockt.

In den Familien des Orients sind Rassismus, Homophobie und ein offen zutage tretender Antisemitismus weit verbreitet

Für jemanden wie mich, der in Teheran zur Welt gekommen ist und als Nicht-Muslim froh sein kann, dass seine Eltern ihn vor einem Leben im Iran bewahrt haben, ist vieles von dem, was Antje Sievers beschreibt, nichts Neues. Vor allem kann ich die biografischen Erzählungen der Autorin und die ihres Umfelds als glaubhaft und offensichtlich wirklichkeitsgetreu bestätigen. Dazu gehören nicht zuletzt der weit verbreitete Rassismus, die nahezu durchgehend anzutreffende Homophobie und der offen zutage tretende Antisemitismus in vielen Familien des Orients. Die von Antje Sievers anschaulich beschriebene arabische Geringschätzung für jegliche Andersartigkeit geht dabei weit über die Ablehnung Ungläubiger hinaus, und trifft Asiaten ebenso wie Europäer oder Südamerikaner. Besonders hartnäckig hält sich in der arabischen Welt bis heute die Verehrung starker Führerfiguren. Man darf der Weitgereisten daher glauben, dass sie mehr als einmal auf herzliche orientalische Gastgeber getroffen ist, die meinten, ihr mit Hitler-Komplimenten eine Freude bereiten zu können. Dass die Autorin es auch nicht versäumt auf den erstarkenden Deutschenhass innerhalb türkischer Communities hinzuweisen, gibt dem Buch eine besondere Brisanz und Aktualität. Dabei handelt es sich nämlich überwiegend um Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, unsere Gesellschaft aber dennoch zunehmend ablehnen. Für manch zartbesaitete deutsche Seele mag der “Tanz im Orient-Express” zur aufwühlenden Lektüre werden, die erst einmal verdaut werden muss. Gerade deswegen ist das Buch eine klare Kaufempfehlung!


Quelle: Liberale Warte