Polen: 100 Jahre Unabhängigkeit – Verbündeter gegen Brüssel oder unbelehrbarer Störenfried?

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Polen feierte den 100. Jahrestag der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit. Das Land macht seit Jahren Schlagzeilen; positive wegen der unnachgiebigen Brüssel-Opposition; negative wegen der Russland- Feindseligkeit und seiner US-Hörigkeit. Deutsche und westeuropäische „Populisten“ fragen sich nun, wie sie Polen – welches sie gerne als Verbündeten im Kampf gegen Brüssel hätten – einzuordnen haben.

Polen sehen sich nur der Opferrolle und wollen keine Täter sein

In seiner über 1000jährigen Geschichte war Polen mehrmals auch als „Täter“ international sichtbar, so bei der Besetzung der Ukraine im XV.-XVII Jhd., der Intervention im russischen Bürgerkrieg 1600-1612 (Besetzung Moskaus), als napoleonische Hilfstruppe (brutale Befriedigung Spaniens, Russlandfeldzug 1812), bei der Minderheitenpolitik in der Vorkriegszeit 1918-1939, der Annexion von Teilen der Tschechoslowakei in 1938. Es gab auch eine polnische Besatzungszone von Bush-Gnaden im Irak-Krieg. Diese Zeiten werden in Polen tabuisiert. Diese mangelnde Selbstkritik belastet aber das Verhältnis zu den Nachbarn Ukraine, Litauen oder zu Weißrussland.

Vorurteile zwischen Deutschen und Polen verstärken sich heute. Wer ist schuld?

Polen bleibt heute durch die EU-Selbstherrlichkeit gespalten. Kein Wunder, dass die nationalen Kräfte die Einmischung deutscher „Demokraten und Gutmenschen“ in innerpolnische Angelegenheiten (Migration, Justiz, Pressefreiheit, Unterstützung der Opposition) als willkommenen Anlass für neue Feindseligkeiten nutzen. Gestern wollten uns die Nazis noch Zucht und Ordnung beibringen, heute halten sie sich für moralisch berechtigt uns Migranten zu schicken! – hört man immer wieder. Da hilft auch nicht, dass Millionen Deutsch-Polen objektive Deutschlandbilder vermitteln, es die AfD gibt und die beiderseitigen Wirtschaftsbeziehungen blühen. Der Boden für Ressentiments bleibt dennoch fruchtbar. Zumal wenn viele Deutsche älterer Generation Polen noch für das Armenhaus Europas halten, sich als „EU-Gönner“ sehen und die „polnische Wirtschaft“ in Erinnerung haben. Diesen Herrschaften schlage ich vor, dass Land einmal zu besuchen und etwas mehr Taschengeld mitzunehmen. Denn Polen ist voll im Kapitalismus angekommen, seine Wirtschaft ist die dynamischste in der EU.

Der deutsche Michel möchte, dass die Polen für ihn die „Rebellion“ gegen Brüssel anzünden.

Der passive Deutsche freut sich, wenn er sieht, wie zweihundert Tausend patriotisch gesinnte Polen mit Nationalfahnen demonstrieren oder wenn er von harten Streiks im Nachbarland hört. Hätten wir solche Leute bei uns, wäre es bald aus mit dem Merkelismus! Stattdessen beherrschen Antifa und Türken unsere Straßen und bedrohen die kleinen AfDler-Grüppchen. Alles richtig. Leider werden die Polen nicht für einen EU-Austritt demonstrieren, damit in Deutschland abermals die Wende – wie 1989 – eintritt.

Polen drängt darauf, dass Deutschland zum echten Russland-Feind wird.

Andererseits macht sich der Michel Sorgen, wenn er hört, wie vehement die Nachbarn das Energieprojekt Nordstream 2 (Gas-Nordsee-Pipeline aus Russland) bekämpfen und nach „härteren“ Russland-Sanktionen lüstern. Hier geht den lieben Osteuropäern, bei aller Sympathie leider der Realitätssinn verloren. Auch dann, wenn sie blind in die (militärische) Freundschaft – wie früher mit England und Frankreich – mit den USA setzen. Einige Informierte meinen, dass die Polen es bis heute nicht verschmerzt hatten, dass die Russen ihnen ihr „Imperium“ – Polen reichte einst vom Baltischen zum Schwarzen Meer – weggenommen. Hier lässt die fehlende Selbstkritik erneut grüßen, denn der Vielvölkerstatt Polen-Litauen ging 1795 im Chaos und Intoleranz unter und hatte zuletzt zivilisatorisch nicht viel zu bieten.

Mittelalter und Renaissance – als Polen nicht der arme Nachbar war, funktionierte es besser

In der Jagellonen-Zeit 1385 – 1572 war Polen dagegen eine auch wirtschaftlich angesehene europäische Großmacht und zog scharenweise Leistungsträger und Glücksritter aus Westeuropa an. Damals waren die Beziehungen zum heiligen Deutschen Reich vorbildlich. Daraus darf gefolgert werden: Die Deutschen werden vor den Polen wieder Respekt bekommen, wenn diese sie wirtschaftlich einholen. Das kann schon innerhalb einer Generation passieren, wenn Polen weiter so kräftig wächst und – andererseits – das Land in dem wir alle „gut und gerne leben“ im Wirtschaftsfundamentalismus (Energiewende, Euro-Rettung, Migrationsmilliarden) langsam aber sicher einknickt.

Wie sollte es weitergehen?

Und was ist mit der Allianz gegen Brüssel? Hier ist gut zu wissen, dass die Polen als Pragmatiker die Bedrohung durch die EU als real und die von Russland nur als „virtuell“ einschätzen, auch wenn sie es nicht zugeben. Sonst würden sie nicht so aktiv das Visegrad-Konzept vorantreiben, wo die anderen Mitglieder mindestens „russlandneutral“ sind. Daher ist die EU wichtiger. Deutschland darf sich insofern durch die Sticheleien Warschau nicht provozieren lassen. Auch die PIS wird sich irgendwann mäßigen, frühestens wenn sie vielleicht nach den Wahlen in 2019 auf eine Koalition angewiesen sein wird.


Dr. Viktor Heese – Finanzanalyst und Fachbuchautor; www.prawda24.com; www.finanzer.eu