Russlands Kapitalismus funktioniert auch trotz Westsanktionen

Dr. Viktor HeeseVeröffentlicht von

Mit dem Sieg von Donald  Trump naht eine neue Ära in den Beziehungen zwischen den USA und Russland. Gleichzeitig feiert Russland im kommenden Jahr sein 25-jähriges Jubiläum nach dem Fall der UdSSR. Das sind triftige Gründe, um zu fragen, wie der russische Kapitalismus generell funktioniert, wodurch er sich von seinen “westlichen Kapitalismusvarianten” unterscheidet und welchen Sinn eine sture Fortsetzung der EU-Sanktionen nach dem wahrscheinlichen Ausscheiden der USA noch hätten.

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Bereits 1991 stellte der Franzose Michel Albert in seinem Buch “Kapitalismus contra Kapitalismus” fest, dass eine weltweit gültige Kapitalismus-Definition fehlt. Das Privateigentum an Produktionsmitteln und die freie Preisbildung reichen als Hauptunterscheidungsmerkmale nicht aus. So herrscht in der westlichen Welt seit Jahrzehnten die Zweiteilung zwischen dem vorpreschenden Turbokapitalismus (USA und angelsächsische Länder) und den verschiedenen Typen der, heute “angeschlagenen”, sozialen Marktwirtschaft in Europa, die auch Rheinischer Kapitalismus genannt. Die aktuellen TTIP-Turbulenzen belegen den Kampf beider Varianten eindrucksvoll. Wo gehört Russland in diesen Vergleich hin?

Dominanz des Staatskapitalismus vor dem Turbokapitalismus

Die russischen Großkonzerne (Gazprom, Lukoil, Rosneft, Sberbank) in den Schlüsselsektoren Öl/Gas, Banken und Bergbau befinden sich mehrheitlich im Staatsbesitz. An Gazprom, dessen Aktie auch an Westbörsen notiert, besitzt der Staat z.B. 50,1%. Er spielt in der russischen Wirtschaft eine hyperaktive Rolle, so wie er auch im Westen in vielen, nicht nur ordnungspolitischen Fragen kräftig mitredet (Subventionsvergabe, Regulierungen, Staatsaufträge). Besonders bei Firmenübernahmen besitzt er auch bei uns das letzte Wort. Ein Rüstungskonzern, wie Loockhed oder EADS (zuletzt die deutsche Aixtron) kann nicht einfach von Chinesen über die Börse gekauft werden. In der Kernfrage der Kontrolle über sicherheitsrelevante Wirtschaftsbereiche ist der Unterschied zwischen Russland und den beiden westlichen Kapitalismusvarianten nur marginal.

Der dortige Staatskapitalismus ist vergleichbar mit den erfolgreichen Emerging Markets, wie China oder Vietnam und gleichzeitig wenig mit einem Rentierstaat (OPEC- und Golfländer), die allein von Rohstoffexporten “leben”. Die russische Wirtschaft ist breit aufgestellt, wenngleich die Sektoren der Konsumgüterindustrie als unterentwickelt gelten. Nicht zuletzt wegen dieser Diversifikation ist die russische Wirtschaft trotz Ölpreisverfall und westlicher Sanktionen 2015/2016 nicht so massiv eingebrochen, wie z.B. Saudi Arabien. Generell gesehen, hat der noch junge russische Staatskapitalismus wesentlich weniger Berührungspunkte mit dem Turbokapitalismus als der westeuropäische.

Eine Gemeinsamkeit zu Westeuropa gibt es im Finanzbereich. Im angelsächsischen Raum vollzieht sich die Unternehmensfinanzierung primär über die Börse und die Kapitalmärkte, in Russland und in Kontinentaleuropa dagegen über die Unternehmensgewinne (Eigenfinanzierung) und Bankkredite. Die im Vergleich zur Realwirtschaft unterentwickelten Kapitalmärkte beim Ostriesen bringen auch Vorteile: Sie schützten die Russen – denen vereinzelte Bankkrisen nicht unbekannt sind – vor den extremen Auswüchsen der Investmentbanking, Hedgefonds und den Milliardenausgaben für die Bankenrettungen.

“Kapitalismus von oben” oder Volkswirtschaft geht vor Betriebswirtschaft

In Russland ist das Denken in reinen Produktions- und kaum in Gewinnkategorien noch weit verbreitet. Zu Sowjetzeiten sprach man in diesem Zusammenhang oft von der “Tonnenideologie”. Erstaunlicherweise wird aber der “volkswirtschaftliche Gewinn” (BIP), hierzulande kaum von den Großkonzernen der Rohstoff- und Energiewirtschaft generiert. Wegen fehlenden Wettbewerbs arbeiten diese, primär von den Exporten und den Staatsaufträgen lebenden Riesen, ineffizient und erwirtschaften äußerst dünne Margen. 70% des russischen BIP generieren völlig unerwartet die Sektoren Konsum und Dienstleistungen, was in den unverfänglichen Studien der Informationszentrale der deutschen Exportwirtschaft Gtai (German Trade and Investments) nachzulesen ist. Die Folge des Denkens in den alten Mengenkategorien sind die extrem hohe betriebswirtschaftliche Kosten und eine pure (Energie-)Verschwendung. Nicht zuletzt ist die These, die westlichen Sanktionen werden den Russen helfen mehr betriebswirtschaftlich zu denken nicht von der Hand zu weisen. Hierzu ist der erste Schritt bereits getan. Keiner von den Sanktionsfalken im Westen versteht, wie Russland Währungsreserven trotz des Ölpreisdesasters wieder auf 396 Mrd. USD ansteigen konnten. Die Antwort liegt im Stichwort Importsubstitution.

Die staatlichen Eliten sind wenig am betriebswirtschaftlich und renditeorientierten “Kapitalismus von unten” interessiert, der den Grundpfeiler beider westlichen Kapitalismusvarianten bildet. Die Apparatschiks der Neuzeit befürchten diese, ihrer Denkweise fremde Variante, nicht kontrollieren zu können und lassen demzufolge nur zögerlich eine Demokratisierung der Wirtschaft zu. Politiker und Verwalter sind eben keine Manager. Der Mittelstand und Existenzgründungen werden daher äußerst schwach gefördert, Korruption und Rechtsunsicherheit sind allgegenwärtig, die Konsumgesellschaft steckt noch in den Kinderschuhen. Die Innovationen, die Produktivitätskennzahlen und das Leistungsprinzip bleiben auf der Strecke. Hier erweist sich China in der ökonomischen Denkweise viel fortschrittlicher, das den Kapitalismus von unten” zulässt. Unabhängig dieser Mängel feiert der russische “Kapitalismus von oben” auf dem Weltmarkt nicht nur beim Rüstungsexport punktuelle Erfolge, so in der Raumfahrt oder beim Bau der Kernkraftwerke, was nur mit einem leistungsfähigen Humankapitals geht, den wir in den klassischen Rentierstaaten vergeblich suchen. Andererseits werden wir im Ranking der globalen Konsumgüter- und Dienstleistungskonzerne nach Forbes vergeblich einen Russen finden. Der Weg zur Konsumgesellschaft wird gerade erst beschritten.

Soziale Orientierung soll das Humankapital reanimieren

Der zu Sowjetzeiten nicht zu unterschätzende Arbeitselan basierte auf purem Idealismus, den wir heute den Russen (noch) nicht beobachten. Den versucht der Staat durch soziale Wohltaten und weniger durch betriebswirtschaftliche Reformen zu reanimieren. So fällt auf, dass die soziale Grundsicherung, Zugang zur Bildung, Renten- und Krankenversicherung in Russland, wenngleich auf niedrigem Niveau, so doch für die breiten Bevölkerungsschichten gewährleistet ist. Der mächtige Staat zeigt – anders als im Turbokapitalismus angelsächsischer Prägung und in den meisten osteuropäischen EU-Ländern – ein gewisses “soziales Herz”, wenngleich nicht uneigennützig. Mehr noch, der Stadt sorgt mit Stabilisierungsfonds, die aus einem Teil der Exporteinnahmen aus Öl und Gas gespeist werden, für die Zukunft klug vor. Dagegen ist wirklich nichts zu sagen. Moskau ist es nicht entgangen, dass die Russen als Volk, – wie übrigens die Europäer auch – langsam “aussterben” werden, wenn keine freundliche Familienpolitik auf den Plan tritt. Die zu Jelzins Zeiten stark rückläufige Einwohnerzahl konnte sich bei 150 Millionen stabilisieren. Sicherlich ist das hiesige Niveau der Sozialsysteme vom kontinentaleuropäischen Leistungsverständnis noch weit entfernt. An der Feststellung der staatlichen Fürsorge als solcher kommt man jedoch nicht vorbei – egal ob man das Putin-Regime bewundert oder hasst.

Fazit: Wie die Zukunft des russischen Kapitalismus aussehen wird, bleibt in vielen Punkten offen. Das Land ist ökonomisch jedoch stark genug um sich kein fremdes Entwicklungsmodell aufzwingen zu lassen. Die bisherige Unwirksamkeit der West-Sanktionen hat das eindrucksvoll gezeigt. Zudem helfen die Zusammenarbeit mit China und anderen Emerging Markets (Stichworte: BRICS, Lateinamerika, Iran, neue Seidenstrasse). Es gibt immer Alternativen zum hochmütigen Westen. Besonders Merkels Deutschland sollte aufpassen, dass ihm der Ostriese, mit dem uns seit der mittelalterlichen Hanse auch enge Wirtschaftsinteressen verbinden, als Partner nicht abhanden kommt.

 

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