Um 05:45 Uhr wird zurückgelogen

von Meinrad Müller

I, Luca Galuzzi [CC BY-SA 2.5 ], via Wikimedia Commons
In Chemnitz 2018 war alles ganz anders. In Gleiwitz 1939 auch. Verlegen wir die Ereignisse für einen Moment, der Verdeutlichung wegen, in die afrikanische Serengeti. Quasi ins Tal der Ahnungslosen Afrikas.

05:30 Uhr:

Ein Rudel noch nicht lange hier lebender Hyänen , sprichwörtlich bis an die Zähne bewaffnet, hält nach unbewaffneter leichter Beute Ausschau. Gänzlich artgemäß, wer könnte es ihm verübeln, konzentriert sich der Blick auf ein schwaches potenzielles Opfer das sich zu weit von seiner schützenden autochthonen Herde entfernt hatte.

Schärfer als die stets mitgeführten Klingen aus Solingen dringen Zähne (25-fach) in das Zebra (ohne stichfeste Schutzweste) ein und zerlegen es. Uniformierte Wildhüter und gutmenschliche Touristen in Feierlaune stehen gaffend mit empörten offenen Mündern daneben. Tausende Zebras erleben vor deren Augen den Mord (respektive Totschlag in Notwehr) und konnten, weil ja selbst unbewaffnet, nicht spontan Formation einnehmen um mit deren Hufen schützend einzugreifen und Schlimmeres zu verhindern.

Angenommen die Zebraherde, aufgeschreckt durch den Tod eines Freundes, würde sich nun zu einer spontanen (unangemeldeten) Massendemonstration „zusammenrotten“ und in Stärke eines Bataillons aufgebracht gegen diesen „Vorfall“ (sprich Einzelfall) zu demonstrieren.

Antilopen zu Tausenden, Elefanten zu Hunderten, Giraffen zu Duzenden unterstützten den aufgebrachten und wütenden Trauerzug. Die zahlenmäßig unterlegenen bedauernswerten und feigen Hyänen zögen sich mit eingezogenem Schwanz in deren Schutzräume (safe spaces) zurück.

05:45 Uhr:

Wie würde die „Serengeti-Tagespost“ (Eigentümer SPD) titeln?

Aufruhr in Afrika! Harmlose Hyän*innen von wilden Massen bedrängt! Unangemeldete Zusammenrottung auf friedlicher Weide! Fortbestand

der schützenswerten Raubtiere gefährdet! Biologische Diversität bedroht!

Verängstigte Raubtiere fordern Naturschutzbleiberechte!

Zurück in die Vergangenheit, hören wir hinein in Friedrich Schillers
“Lied von der Glocke“:

Gefährlich ist’s den Leu zu wecken, (Leu = Löwe)
Verderblich ist des Tigers Zahn;
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.

Gestehen wir gezwungenermaßen (wir schaffen das) dem Leu und Tiger (und weiteren Wilden) zu dass diese sich „Stammes traditionell“ und somit „natürlich“ verhalten, mit deren Zähnen und Messern verderblichen Schrecken zu verbreiten, so wundert es nicht, dass der Mensch (nicht nur in Chemnitz) ob dieser Schrecken augenblicklich in Schock verfällt der sich in empörtem Wahn lautstark aber unbewaffnet, weltweit Gehör findend entlädt.

Da dieser „schrecklichste der Schrecken“, von der Natur evolutionsbiologisch genauso fest in uns Menschen verankert ist wie die Reißzähne der Räuber, so darf uns die Empörung der Volkesseele nicht verwundern.

Statt 05:45 Uhr nähern wir uns 05:55 Uhr.

Und nochmals Schiller:

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruhge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,

Das werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.


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