Gummizelle – foto: sssccc / 123RF Standard-Bild

von Roger Letsch

Sebas­tian Leber ist beim Tages­spie­gel für die Beleuch­tung zustän­dig. Er setzt dort den „rechten Rand“ in schar­fes und den „linken Rand“ in schmei­chel­haft weiches Licht. Etwa als er mit Blick auf Chem­nitz fragt, „Wie rechts ist die Stadt?“ oder im Artikel „Danke, liebe Antifa!“ mit pas­tel­le­nen Farben zur Ver­tei­di­gung einer „viel geschol­te­nen Subkultur“ (meine Her­vor­he­bung) anhob. Doch was ist der Schnee von gestern gegen einen Shit­s­torm von heute! Einem solchen sah sich nämlich aktuell Nicole Diek­mann vom ZDF aus­ge­setzt und wer wollte bestrei­ten, dass derlei sozial-mediale Fle­ge­leien eine unan­ge­nehme und meist auch völlig unan­ge­mes­sene Sache sind. Was mich zum Bei­spiel prin­zi­pi­ell an solchen Wut-Tiraden stört, ist die völlige Abwe­sen­heit sach­li­cher Argu­mente, die es auch in diesem Fall durch­aus gegeben hätte. Es ging statt­des­sen nur noch darum, mög­lichst kräftig aus­zu­ho­len, um Knie und Schien­beine des Kon­tra­hen­ten zu treffen. „Ad hominem” also und damit an der Sache vorbei. Die Kon­den­sa­ti­ons­kerne, um die herum sich die Gewit­ter­wol­ken bilden, kommen jedoch seit Jahren von aus­nahms­los allen (!) poli­ti­schen Par­teien und die Saat scheint gut auf­zu­ge­hen in diesem Land, wie der aktu­elle Anschlag auf den Bremer AfD-Chef gezeigt hat. Für bedau­ernde Sprüche und schein­hei­lige Aufrufe zur Mäßi­gung ist es wohl leider schon zu spät, der poli­ti­sche Gegner wird nicht mehr als Mensch wahr­ge­nom­men und ist längst zum Zerr­bild des Feindes schlecht­hin mutiert. Soviel zum Prin­zi­pi­el­len, wenden wir uns dem Spe­zi­el­len des Falles Diek­mann zu und was der Beleuch­ter Leber damit zu schaf­fen hat.

Shitstorm-Nahkampf in der Humor-Zone

Den von Leber the­ma­ti­sier­ten Twitter-Nah­kampf müssen wir zunächst mal zeit­lich rekon­stru­ie­ren. ZDF-Redak­teu­rin Nicole Diek­mann, ver­mut­lich noch leicht ange­schla­gen von der Sil­ves­ter­feier, wacht irgend­wann am Neu­jahrs­tag auf und stellt sich die Frage, was zuerst zu tun sei. Roll­mops oder Aspirin? Ein Müsli oder lieber noch keine feste Nahrung? Da muss ihr ihre Liste mit guten Vor­sät­zen für 2019 ins Auge gefal­len sein und sie bemerkte erschro­cken, dass sie in diesem Jahr noch gar nicht gegen rechts gekämpft hat. Nun tut Eile Not, denn es ist schon fast 22 Uhr. Twitter öffnen, „Nazis raus.“ posten, fertig. Jetzt aber Aspirin. Doch keine Minute später wollte @spom_heike wissen, „Wer ist denn für Sie ein Nazi?“ – eine Frage, wie wir in Lebers Artikel lernen, die man nicht stellen darf. Außer, man ist selbst Nazi. Aber dann stellt sich die Frage ja eigent­lich auch nicht…es ist kom­pli­ziert. Diek­mann jeden­falls, immer noch einige Minuten vom ret­ten­den Aspirin ent­fernt, ant­wor­tete gnädig auf die unver­schämte Frage und Leber ist ganz aus dem Häus­chen:

„Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt.“

Je nach Ner­ven­kos­tüm, Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit, innerer Ver­fas­sung und Kopfweh-Level kann man dies nun für schlag­fer­tig, schnip­pisch, ver­un­glückte bzw. gelun­gene Satire oder einfach nur für einen Anfall von unauf­merk­sa­mer Ehr­lich­keit halten, wobei es für jede Bewer­tung gute Gründe gibt. Fakt ist jedoch, dass der von Leber dia­gnos­ti­zierte Shit­s­torm erst NACH 21.54 Uhr, also NACH der ein­dring­li­chen Wahl­emp­feh­lung los­brach. Nicht die Injurie „Nazis raus” war also das Problem, die Begrün­dung brachte die Leute auf die Palme. Und wer da erst mal ist, kommt nicht so leicht wieder runter.

Das ist natür­lich für den künf­ti­gen Relo­tius-Preis­trä­ger Leber kein Grund, die kom­plette Empö­rungs­kette richtig abzu­bil­den. Er griff sich das anlass­lose Twitter-Tourette „Nazis raus“ und defi­nierte den Shit­s­torm kur­zer­hand als dessen Folge. Alles was danach kam, sei ja nur ein Witz gewesen und wer Diek­manns Humor nicht teile, nun ja, sie wissen schon: Nazi eben! Der Humor ist in diesem Land aller­dings längst auf den Hund gekom­men, wenn zum Bei­spiel die regie­rungs­be­stall­ten Fak­ten­che­cker von cor​rec​tiv​.org es für not­wen­dig erach­ten, einen Artikel des „Pos­til­lon“ expli­zit als Satire zu kenn­zeich­nen oder wenn man sich den Zustand des poli­ti­schen Kaba­retts im deut­schen Fern­se­hen anschaut. Letz­te­res ist sogar dem Deutsch­land­funk auf­ge­fal­len – dafür ein begeis­ter­tes „Chapeau“ an Chris­tian Schüle.

Die heute wie Sand ver­streute Ver­bal­in­ju­rie „Nazi“, die mit großer Schau­fel über alle gestreut wird, die sich der medial und poli­tisch ton­an­ge­ben­den poli­ti­schen Rich­tung wider­set­zen, macht die Leute offen­sicht­lich langsam kirre. Die­je­ni­gen, die sich selbst als Faschos, Volks­kör­per­be­schüt­zer und Hitlers Erben sehen, trifft die Schelte indes nicht – man kann einen „Kevin“ nicht dadurch her­ab­set­zen, dass man ihn „Kevin!“ schimpft. Für die immer weiter fort­schrei­tende Pola­ri­sie­rung, ja, „Wei­ma­ri­sie­rung“ Deutsch­lands jedoch mar­kiert der Begriff „Nazi“ gewis­ser­ma­ßen die Was­ser­scheide, entlang derer die Gesell­schaft wahl­weise Himmel oder Hades ent­ge­gen­fließt.

Um sich maximal von der ver­meint­lich fins­te­ren Seite abzu­set­zen, ist „Grün“ derzeit (trotz Palmer) die sicherste Wahl. In der SPD sitzen Sar­ra­zin und Busch­kow­sky, die CSU hat See­ho­fer und Söder und hatte Strauß, die CDU ist voller Wert­kon­ser­va­ti­ver samt Vera Lengs­feld, die FDP sitzt im Bun­des­tag neben der AfD und Kubicki ist gera­dezu ein Abzieh­bild des alten weißen Patri­ar­chats. Die Linke Sarah Wagen­knecht schließ­lich kuschelt mit rechten Sicher­heits­prin­zi­pien und über die AfD, nun, über die ist man ja ohnehin aus­rei­chend via „Heute” und „Heute-Show” infor­miert. Nur Grün ist „rein“, weshalb nur deren Anhän­ger sicher sein können, bei einer wei­te­ren Ver­schie­bung der Grenze zwi­schen Gut und Böse noch auf der „rich­ti­gen“ Seite zu stehen. Klar, was man da wählt. Klar, dass man über Nazi­witze erleich­tert lachen kann, es betrifft einen ja nicht. Wer Grün wählt, ist aus dem Schnei­der. Zweifel, die eigent­lich die Trieb­fe­der jedes aus­ge­wo­ge­nen gesell­schaft­li­chen Fort­schritts sind, kennt der Grüne nicht. Er ist ja kein Nazi!

Ein Vergleich der hinkt, aber winkt

His­to­ri­sche Ver­glei­che hinken bekannt­lich, weshalb ich einen nahe­lie­gen­den aus unserer jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit auch nicht ziehen werde. Ich gehe für meinen Ver­gleich zurück ins Jahr 1793, nach Frank­reich. Unter den Geset­zen von „Tugend und Terror“, die die letzte Phase der fran­zö­si­schen Revo­lu­tion unter Robes­pierre und Saint-Just ein­lei­tete, genügte die Bezeich­nung „Aris­to­krat“, um unter dem Fall­beil zu enden. Mit diesem Label wurden nicht nur jene bedacht, die diesem pri­vi­le­gier­ten Stand tat­säch­lich durch Geburt oder Ernen­nung (Bekennt­nis gibt es hier logi­scher­weise nicht) ange­hör­ten. Es genügte, die Anrede „Mein Herr“ statt des oppor­tu­nen „Salut“ oder „Bürger“ zu ver­wen­den, die falsche Klei­dung zu tragen oder durch Erzie­hung oder Gewohn­heit andere, oft bessere Manie­ren an den Tag zu legen, als es in den Hetz­ti­ra­den Héberts in seinem „Père Duchesne“* als tugend­haft und repu­bli­ka­nisch bezeich­net wurde. Man sieht, die Medien spiel­ten zu allen Zeiten die ihnen zuge­dachte Rolle. Zum Schluss, als täglich hundert und mehr Hin­rich­tun­gen Paris in Blut tauch­ten, ver­wen­dete man das töd­li­che Wort „Aris­to­krat“ schlicht für jeden, den man einer „fal­schen Gesin­nung“ ver­däch­tigte. Mit töd­li­chen Folgen. Es bedurfte nicht des Nach­wei­ses eines Ver­bre­chens, um auf dem Scha­fott zu enden, eine falsche Gesin­nung genügte völlig. Für den auf die Anklage „Aris­to­krat” fol­gen­den Schuld­spruch reichte es aus, die Per­so­na­lien fest­zu­stel­len – und selbst damit nahm man es nicht son­der­lich genau.

Diese Art des Gesin­nungs­ter­rors ist in Deutsch­land auf dem Vor­marsch. Je ängst­li­cher und expo­nier­ter man ist, umso größer wird die Kokarde am Kragen, umso breiter die Schärpe um die Brust und umso derber die Sprache, mit der man sich gegen die anderen, die „Aris­to­kra­ten“ oder eben gegen ver­meint­li­che „Nazis“ abzu­gren­zen ver­sucht. Bloß nicht für zuge­hö­rig gehal­ten werden, nur mög­lichst weiten Abstand halten, die Köpfe der Ver­leum­de­ten fallen ebenso leicht, wie die der Ver­rä­ter. Auch der Schlacht­ruf „Nazis raus“ deutet bereits in Rich­tung einer finalen Kon­se­quenz, denn wo liegt denn dieses „raus“? „Geh‘ doch, wo du wohnst“ kann ja schon mal nicht gemeint sein, denn dort wohnt man ja selber, besucht die­sel­ben Kneipen und Ver­samm­lungs­hal­len, kauft im selben Super­markt die glei­chen Marken ein oder bringt seine Kinder zur selben Waldorf-Schule. Genau dort will man Anders­den­kende aber eben nicht haben. Ver­ban­nung? Lager­haft? Umer­zie­hung?

Wir wissen nun oder könnten schon lange wissen, wohin diese Denkart führt. Es bedarf nicht erst der Locke­rung der Waf­fen­ge­setze oder der Bildung echter Milizen, statt einer nur erfun­de­nen Amber­ger Bür­ger­wehr, um gewisse Leute zum Kant­holz greifen zu lassen, um mit gutem Gewis­sen und dem eupho­ri­sie­ren­den Gefühl, „das Rich­tige“ zu tun, die ver­mu­tete Gesin­nung samt sechs Sorten Scheiße aus dem gela­bel­ten Feind her­aus­zu­prü­geln. Um das tun zu können und sich dabei gut zu fühlen, bedarf es ledig­lich einer wasser- und blut­fes­ten Ideo­lo­gie sowie der wohl­wol­len­den media­len Beklin­ge­lung wie der von Leber im Tages­spie­gel, der Opfer zu Tätern, Täter zu Helden und ver­ka­ter­ten Blöd­sinn twit­ternde ZDF-Redak­teu­rin­nen zu Satire-Talen­ten mit Antifa-Atti­tüde auf­bläst. Den Shit­s­torm hat Diek­mann sicher nicht ver­dient, einen Gesin­nungs­ver­tei­di­ger wie Leber aller­dings schon.

* Heute ori­en­tiert man sich natür­lich am Wording der TAZ, des Tages­spie­gels oder der Süd­deut­schen, lite­ra­risch Anspruchs­volle wenden sich natür­lich gleich dem Spiegel zu.


Quelle: unbesorgt.de